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Hätte ich das mal eher gewusst …mit Lukas Buchholz-Hein

Kannst Du in drei Sätzen Dein Projekt vorstellen und sagen, was speziell der digitale Anteil daran war?

Samuel Hahnemann (1755–1843) hatte sich als studierter Arzt gegen die damals vorherrschenden Behandlungspraktiken gewandt und begründete im Zuge dessen die Homöopathie. Seine Tätigkeit als Arzt hielt er in 54 überlieferten Krankenjournalen fest. Diese sind eine wichtige Quelle für die Geschichte des medizinischen Pluralismus, der ärztlichen Praxis und für das Verständnis von Krankheiten – und das für eine Zeit vor unserem heutigen Verständnis von Krankheit und Medizin. Die digital unterstützte Transkription und Edition ermöglichen zukünftig den weltweiten Zugang zu diesen Quellen.

Blick in das Krankenjournal D14. Abbildung: Institut für Geschichte der Medizin, Bosch Health Campus.

Stichwort Mehrwert: Was war nur möglich bzw. welche Vorteile gab es, weil Du digital gearbeitet hast?

Die Krankenjournale werden seit den 1980er Jahren aktiv wissenschaftlich ediert und transkribiert. Mein Vorgänger hatte schon angefangen, diese aus unterschiedlichen Gründen (u.a. Druckkosten und eine einfachere Zugänglichkeit, Schutz der Originale) als digitale Editionen aufzubereiten. Bisher sind 13 von 54 Krankenjournalen veröffentlicht.

Im Grund genommen ist es eine einfache Rechnung: Die Krankenjournale umfassen 27.544 Seiten. In diesen sind ca.16.000 Praxistage abgebildet, was bei einem Durchschnitt der transkribierten Krankenjournale von zehn bis fünfzehn Patient:innen pro Tag hochgerechnet insgesamt eine Summe von ca. 200.000 Konsultationen ergibt – und das über einen Zeitraum von 40 Jahren, in zwei Schreibhänden und drei Sprachen, mit Apothekerzeichen und Abkürzungen. Zudem wechselte Hahnemann von einer zunächst chronologischen Journalführung zum Versuch, die einzelnen Patient:innen und deren Krankheitsverläufe am Stück zu erfassen.

Als aktuell einziger Projektmitarbeiter der digitalen Edition ist es unmöglich, diese Menge auch nur im Ansatz während meines Berufslebens ohne Zuhilfenahme von digitalen Ansätzen zu transkribieren oder zu edieren. Daher ist die digitale Bearbeitung eigentlich eine Notwendigkeit und nicht einem reinen Mehrwert geschuldet, den diese mit sich bringt.

Um auch das schon vorhandene Wissen zur Schrift und zum Inhalt der Krankenjournale zu nutzen, trainiere ich mithilfe von Transkribus Modelle zur Erkennung der Handschriften. Hierbei werden auch die im Text vorhandenen Informationen per Tags ausgezeichnet, wie z.B. der Name und weitere identifizierende Merkmale der Patient:innen, Medikation, Mengen, Datums- und Ortsangaben. Dadurch können sie Bestandteil des Modelltrainings sein oder später auch für die Darstellung in der digitalen Fassung einen Mehrwert haben.

Ob man jedes Krankenjournal in einer kritischen Edition veröffentlichen wird, steht noch nicht fest. Aber durch das Training eines Modells für spezifische Schriftbilder und Eigenheiten ermöglicht die digitale Darstellung mit einer brauchbaren Transkription schon einen gänzlich anderen Zugang zu den Krankenjournalen als das physische Original. Modelle mit einer geringeren CERT (Character Error Rate, also die prozentuale Abweichung des Modells zur Groundtruth) oder auch Citizen-Science-Ansätzen ermöglichen hierbei noch im Nachgang Verbesserungen und Korrekturen, welche in einer gedruckten Edition nicht möglich wären.

Im Gegensatz zu menschlichen Bearbeiter:innen, bei denen der natürliche Braindrain irgendwann das Wissen mit sich nimmt, bleibt das Modell in einem Zustand eingefroren und erlaubt so langfristig einen Zugang zum Text.

Ausschnitt der Übertragung der Transkription von DF5 nach Transkribus. Abbildung: Institut für Geschichte der Medizin, Bosch Health Campus.

Hattest Du vorher schon mal mit digitalen Methoden gearbeitet?

Im Rahmen meines Masterstudiengangs der Digital Humanities an der Universität Stuttgart habe ich mit unterschiedlichen digitalen Methoden Kontakt gehabt. Dabei habe ich auch schon einmal gemeinsam mit zwei Kommilitonen eine Digitale Edition eines Rechnungsbuchs von 1402 erstellt.

Wie war damals eigentlich Dein Erstkontakt?

Mein Erstkontakt war im Masterstudium der Digital Humanities, vorher waren digitale Methoden im Studium nie ein Thema gewesen. Das machte es anfangs natürlich schon herausfordernd, sich in diese neuen Thematiken, Methoden und Anwendungsbereiche einzuarbeiten, aber gleichzeitig sehr bereichernd und prägend. Es erschlossen sich mir neue Blickwinkel auf schon vertraute Forschungsgebiete und damit auch andere Fragestellungen und Ansätze. Man erlernt in gewisser Weise eine neue Syntax und muss dabei diese erst zu verstehen lernen. Ähnlich wie in der Philosophie muss man zuerst eine gemeinsame Sprache (von der Bedeutung her) etablieren, um verstanden zu werden und damit selbst Verständnis aufbauen zu können. Dies ist ein wichtiger Faktor in einem Feld zwischen Geisteswissenschaften und IT.

Man sagt, dass digitale Projekte eine steile Lernkurve haben. Was wären die fünf Tipps, die Du gerne Deinem jüngeren Ich geben würdest? Was hättest Du gerne gewusst, was hättest Du anders gemacht, was hat sich für Dich als augenöffnend herausgestellt?

  1. Setz dich früher mit digitalen Möglichkeiten auseinander. Erst in meinem Master gab es Einführungen in Methoden der geisteswissenschaftlichen Anwendungsbereiche. Naturwissenschaftlich geprägte Ansätze lassen sich auch sehr gut für geisteswissenschaftliche Forschung nutzen.
  2. Anfängliche Frustration ist ein normales Phänomen. Zu Beginn mag sich das Auseinandersetzen mit eigenem Programmieren oder dem Anwenden bestimmter Methoden mehr nach, wie es Clarke beschrieb, Magie[1] anfühlen. Es funktioniert oder nicht, wieso und weshalb ist nicht sofort ersichtlich. Der Wechsel vom Nutzenden einer Technik ohne weiteres Verständnis hin zum Anwender mit Verständnis gleicht einer solchen Entzauberung – Fehler werden sichtbar, Mechanismen verstanden. Es ähnelt dem Anwenden einer gelernten Sprache, nur dass man diese hierbei sofort perfekt benutzen muss, um das gewünschte Ergebnis zu bekommen.
  3. Verständnis und Übung kommen mit der Zeit. Nur weil es digital schneller geht, heißt es nicht, dass es damit auch sofort schnell ist.
  4. Man kann kein Meister jeglicher Methode sein. Stattdessen sind das Grundverständnis über die Methoden und die Auswahl der für den Ansatz passenden Methode für die eigene Forschung viel wertvoller.
  5. Digitale Methoden sind ein Werkzeug für die eigene Forschung und kein Selbstzweck. Sie können Quellen ganz anders und schneller erschließen, aufbereiten oder darstellen.

[1] „Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.“ In: Arthur C. Clarke (1973), Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible.

Lukas Buchholz-Hein ist seit Dezember 2023 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin des Bosch Health Campus (IGM). In dieser Funktion ist er u.a. für die Betreuung und Weiterentwicklung der Digitalen Edition der Krankenjournale Samuel Hahnemanns zuständig. Foto: Herb Allgaier.

Die Blogreihe „Hätte ich das mal eher gewusst … Was Historiker:innen und historisch arbeitende ihrem jüngeren Ich raten würden“ wird betreut durch das GHI Washingtonin Kooperation mit NFDI4Memory/ Task Area Data Culture, dem Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) und der Digital History Professurder Humboldt-Universität zu Berlin. Wir freuen uns über alle, die offen über ihre Erfahrungen mit digitalen Projekten im Geschichtsbereich sprechen möchten – und Tipps geben, was sie auf jeden Fall beim nächsten Mal anders machen würden.

Sie haben / Du hast auch Interesse, einen Beitrag für die Reihe zu schreiben? Gerne! Christiane Weber (VHD/NFDI4Memory) [weber@historikerverband.de] und Katharina Hering (GHI) [hering@ghi-dc.org] freuen sich auf eine Email.